Kitz & Wolf – über die Reproduktion von Geschlechterdifferenzen in der Kindermode
Am vorletzten Wochenende flatterte wieder allerlei Werbung in meinen Briefkasten.
So fiel mir dann auch die LIDL-Werbung vom 4.Oktober in die Hände.
Das Titelbild veranlasste mich gleich zum Kopfschütteln. Da ich die letzten Tage aber viel unterwegs war, kommt der Artikel nun etwas verspätet.
Von lupilu gab es eine neue Kollektion, die Kitz & Wolf Kollektion.
Hmm, wem da wohl welches Tier zugeordnet wird?!
Diese Frage beantworte sich aber sodann auch von selbst beim Betrachten der Bilder.
Das Mädchen trug (natürlich) einen roten Pullover mit einem Bild von einem Rehkitz darauf, während der Junge (natürlich) einen blauen Pullover mit dem Motiv eines Wolfes trug.
Die Kleidung des Mädchens war (natürlich) figurnaher geschnitten als die des Jungen.
Auf der nächsten Seite wurde die Kollektion dann ein wenig genauer vorgestellt:
MODE FÜR KLEINE ENTDECKER: BUNT UND HAUTFREUNDLICH
Weiter hieß es:
MIX & MATCH – ALLE TEILE SIND MITEINANDER KOMBINIERBAR
Das ließ mich doch fast schon aufatmen und die Titelseite mit den stereotypen, ähm…ich meine den natürlichen Farbunterschieden der Kleidung vergessen.
Mir wurden auch gleich zwei Alternativ-Kinder präsentiert.
Diesmal trug der Junge einen total bunten grauen Pullover. Die Silhouette eines Wolfes war erkennbar und über ihm der Schriftzug BIG WOLF. Wolf alleine hätte nicht gereicht, nein, es muss schon big sein. Ist ja schließlich für Jungen. Das Mädchen daneben trägt einen zart rosafarbenen Pullover (der schon wieder in die Hose gesteckt ist) und einen geblümten Gürtel in der Hose.
Anders als die dunkelbraunen Schuhe des Jungen, die mensch durch die weite Hose für Turnschuhe halten könnte, obwohl es Jungen-Stiefel sind, trägt das Mädchen weiße Mädchen-Stiefel, in denen die Hose gesteckt ist, damit mensch diese auch sieht.
Rechts von den Kindern kann man sich dann die Kleinkinder-Jeans ansehen.
Damit auch Eltern nicht auf die Idee kommen, wirklich alle Teile miteinander zu kombinieren, wird ihnen eine Hilfestellung angeboten, da es die Welt ja so schön vereinfacht.
Links finden wir demnach die Hosen Für Mädchen und rechts die Hosen Für Jungen. Aha.
Was ist denn da jetzt der Unterschied, damit man noch einmal darauf hinweisen muss?
Die Mädchenhosen haben alle einen geblümten Gürtel und ein süßes Kitz-Motiv unter der linken Tasche.
Hinten haben sie dann noch schleifenartige Abnäher an den Gesäßtaschen. Das ist (natürlich) nichts für Jungs. Die Jungs-Jeans ist (natürlich) schlicht und hat höchstens einen ganz dezenten Aufnäher unter der einen Hosentasche. Überhaupt wirken die Hosentaschen bei den Jungenhosen viel größer. Das liegt (natürlich) daran, dass Jungs ja immer ganz viel mit sich rumtragen müssen. Mädchen haben dafür (natürlich) Handtaschen, weshalb sie auch nicht so große Hosentaschen brauchen.
Über der Gesäßtasche der Jungenhosen steht dann, ebenso wie auf dem Aufnäher, noch Super Wolf. Schon wieder so ein Superlativ. Normaler Wolf hört sich eben nicht so cool an, wie Super Wolf. Voll nachvollziehbar.
Falls mensch dann aber immer noch unsicher sein sollte, welche Hose denn nun für wen ist, so sei noch darauf verwiesen, dass Mädchenhosen links und Jungenhosen rechts zugeknöpft werden, was man an den entgegen gesetzten Nähten in diesem Bereich erkennen kann. Ob das einen tieferen Sinn hat, stell ich jetzt mal in den Raum.
Auf der nächsten Seite sind die Kinder in dicke Wintersachen gehüllt.
Der Junge hält (natürlich) einen Spaten und das Mädchen (natürlich) eine Gießkanne in der Hand. Umgraben mit dem Spaten ist ja auch harte Männerarbeit und Blumen gießen etwas, was Mädchen gern machen.
Daneben gibt es Jacken, wieder mit dem Hinweis, dass die eine Für Mädchen und die andere Für Jungen ist.
Die für Jungen ist (natürlich) blau und die für Mädchen hat (natürlich) ein pinkes Innenfutter.
Direkt darunter gibt es Wintersets, bestehend aus Schal, Mütze und Handschuhe. Auf der einen Seite die Sets für das Mädchen und auf der anderen Seite die Sets für den Jungen.
Zwischen den Sets für das Mädchen gibt es einen auffälligen Farbunterschied. So ist das eine Set vorwiegend rosa mit ein wenig braun dazwischen, während das zweite Set hauptsächlich braun, mit einigen roten, blauen und weißen Bestandteilen ist.
Bei den Jungen ähneln sich die Sets sehr. Blau ist jeweils stark vorhanden. Weitere Farben sind grau und schwarz. Das ist wirklich total bunt. Außerdem ist auch eine große 5 zu erkennen, die von dem Spruch Give me flankiert wird.
Zahlen finden sich ja auch später in der Mode für größere Jungs (natürlich) relativ häufig wieder.
Blättern wir weiter.
Zwei neue Alternativ-Kinder. Diesmal trägt das Mädchen ein braunes Langarmshirt (wieder in die Hose gesteckt, damit der geblümte Gürtel auch zum Vorschein kommt) mit einem großen Kitz-Motiv und vorwiegend rosafarbener Schrift. Bei genauerem Hinsehen sieht man auch, dass das Mädchen eine Kitz-Haarspange trägt. Solche Accessoires hat der Junge (natürlich) nicht nötig.
Er trägt ein rotes Langarmshirt, auf dem wie zuvor auch die Silhouette eines Wolfes in Kampfposition zu sehen ist und welcher von dem Schriftzug Super Wolf flankiert wird.
Rechts davon gibt es dann die Langarmshirts.
Oben die für die Mädchen und unten die für Jungs.
Auf den Mädchen-Langarmshirts ist das Kitz zentrales Motiv, bei den Jungen-Langarmshirts der Wolf.
Direkt darunter gibt es dann ABS-Vollplüschsocken.
Für Mädchen (natürlich) in rosa, lila und pink. Ein braunes Paar ist auch dabei, wird aber durch rosa Herzchen und Blümchen optisch feminin aufgewertet.
Die Socken für Jungs sind (natürlich) hauptsächlich blau mit ein wenig grau und braun verfeinert.
Auf der letzten Seite der Kollektion gibt es dann Schlafanzüge.
Die rosafarbene Kombi ist (natürlich) für Mädchen, ebenso wie der Schlafanzug daneben.
Auch wenn grau sonst häufiger für Jungen Verwendung fand, so gibt es hier doch deutliche Hinweise, warum dieses Schlafanzug-Oberteil für Mädchen ist: Kitz und Herz. Zwei Herzen sind auch auf der dazu gehörigen roten Schlafhose. Nicht das es hier zu Verwechslungen oder Mix & Match kommt.
Die Schlafanzüge der Jungen bestechen durch den sehr ansprechenden Kontrast von grau und Dunkelblau bzw. helleres blau mit dunkelblau. Auch hier der Wolf als zentrales Motiv, um Verwechslungen zu vemeiden.
Schließlich wären da noch die Jungen-Stiefel und die Mädchen-Stiefel.
Die Jungen-Stiefel sind (natürlich) strapazierfähig, schließlich muss der Junge so manche Strapaze durchmachen und von der Optik viel robuster und sehen sich sehr ähnlich – zeitloses Design sozusagen. Es finden dunkle und gedeckte Farben wie grau, schwarz und braun Verwendung.
Stiefel dieser Sorte hießen zu meiner Kindheit noch Halbschuhe. Stiefel zeichneten sich zu dieser Zeit noch durch einen Schaft aus. Aber Zeiten ändern sich ja.
Die Mädchen-Stiefel sind da dann doch noch etwas altbacken, haben sie doch alle einen recht hohen Schaft.
Plüsch findet sehr viel Verwendung und das verwendete Material wirkt alles andere als strapazierfähig oder robust.
Auch eignen sich diese Stiefel wohl nicht für feuchtes Wetter und sind durch ihre doch recht hellen Farben (weiß und pink) relativ schmutzanfällig. Dadurch ist von allzu strapaziösen Outdoor-Aktivitäten (vielleicht noch mit den Jungen) dringend abzusehen. Nein, bei diesen Stiefeln geht es nicht darum, sich vor Schmutz und Witterung zu schützen, sondern vorwiegend hübsch auszusehen. Das wird dann noch durch Schriftzüge wie Beauty und das Blümchenmuster auch verdeutlicht. Eventuell könnte mensch, ach nee, nur Mädchen damit ja zumindest ein wenig draußen spielen, da die Stiefel ja schwarz sind. Bei den braunen könnte da schon wieder das helle Fellimitat, vor allem aber die Bommeln, dreckig werden.
Also, was haben wir nun dazu gelernt?
Mädchenkleidung und Jungenkleidung unterscheiden sich essentiell voneinander, so wie sich ja auch Jungen und Mädchen (natürlich) voneinander unterscheiden und zwar in allem.
Damit dies auch ja nicht mal aufgeweicht wird gibt es Jungenfarben und Mädchenfarben.
Sollte das nicht reichen, schaut man aufs Design. Ist es schlicht und nüchtern – so ist es ganz sicher für Jungs. Ist es hingegen süß und verspielt, dann ist es (natürlich) für Mädchen.
Auch ein körperbetonter Schnitt spricht für Mädchenkleidung, da Jungen keinen zu betonenden Körper haben. Sie sind eher formlos – zumindest so lange, bis sie sich mit fortgeschrittenem Alter im Fitnessstudio genug abgerackert haben und ihr Körper ein Muskel ist, der nur noch in Größe XL oder XXL passt. Ansonsten wird der fehlende Muskelkörper durch weite Kleidung kaschiert.
Frauen müssen im Unterschied dazu tunlichst darauf achten, dass ihr Körper nicht zu voluminös wird, da er sonst nicht mehr in die XS oder S passt.
Hier gibt also die Kleidung die Körpermaße vor.
Und falls man doch mal an dieser Geschlechtertrennung zweifeln sollte, so gibt es zum Glück ja Firmen wie LIDL oder aber auch andere große Bekleidungskonzerne die uns mit dezenten Hinweisen helfen, was für Jungen/Herren und was für Mädchen/Damen ist.
In Hoffnung auf die Einlösung des Slogans Mix & Match – Alle Teile sind miteinander kombinierbar, nicht nur im Bekleidungsbereich, verabschiede ich mich bis zum nächsten Mal.
Bilder entnommen aus: http://www.lidl-pageflip.com/fsicache/pdf/Germany/HHZ_KW40_OST1_20110929_20111008_kfm3Qx.pdf



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